Voices-Interview mit Prof. Dr. Barbara Tettenborn, Fachärztin für Neurologie FMH und Spezialistin für Krankheiten des zentralen und peripheren Nervensystems sowie der Muskulatur, wobei sie sich besonders für die Prävention neurologischer Erkrankungen engagiert.
Barbara Tettenborn: Sie leiten das Swiss Brain Health Center der Bellevue Medical Group und haben gerade eine Reise zu einem Kongress in Genf und einen Vortrag in Frankreich hinter sich. Heute morgen um 8 Uhr sind sie zurückgekommen - und sitzen schon wieder in Ihrer Praxis. Das klingt anstrengend. Braucht Ihr Gehirn eine Pause?
Mein Zeitplan ist tatsächlich sehr gedrängt. Aber anders als früher achte ich heute darauf, trotzdem genügend zu schlafen. Und da sind wir schon mitten im Thema Brain Health, Hirngesundheit. 7 bis 9 Stunden Schlaf sind essentiell für die Erholung des Gehirns. Es arbeitet zwar ununterbrochen, auch nachts, aber dann “verarbeitet” es den Tag, stabilisiert während des Schlafs zum Beispiel Erinnerungen. Bekommt es aber über einige Zeit diese Schlafphasen nicht, wirkt sich das negativ aus. Deutliche Alarmzeichen sind Schlafstörungen, vermehrte Fehlzeiten am Arbeitsplatz, andauernde Erschöpfung, depressive Gedanken, Reizbarkeit, psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, Verdauungsstörungen und Gewichtszunahme.
Ein Kollege von Ihnen hat einmal gesagt, dass unser Gehirn täglich so viel Informationen verarbeiten muss, dass sie schriftlich festgehalten ein dickes Buch füllen würden. Das ist enorm! Wie macht das Gehirn das?
Wie das Gehirn im Einzelnen genau funktioniert, verstehen wir immer noch nicht, schon gar nicht zu 100%. Klar ist: Wenn wir das Gehirn nicht nutzen, lassen seine Funktionen sehr schnell nach. Ich kann nur dazu ermuntern, möglichst lange im Berufsleben zu bleiben und gefordert zu sein. Denn leider bauen Menschen, die körperlich und geistig nicht mehr aktiv sind, kaum ein soziales Umfeld und keine Ziele mehr haben, kognitiv sehr schnell ab.
Baut denn das Gehirn nicht generell im Alter ab, egal ob wir aktiv sind oder nicht?
Im Baby- und Kindesalter, auch schon vor der Geburt, bilden sich Milliarden von Nervenzellen und Billionen von Verknüpfungen im Gehirn aus. Später im Erwachsenenalter nimmt diese Neuroplastizität tatsächlich ab, aber sie stoppt nicht. Früher glaubte man das, aber heute zeigt sich ganz klar, dass das Gehirn bis ins hohe Alter lernfähig bleibt und sich neue Verknüpfungen bilden können.