Voices-Interview, August 2026

Humor macht auch das Arbeitsleben leichter

Zusammenfassung
Humor ist eine Form der Emotionsregulation – aber nicht jede Form von Humor hilft. Humor wirkt vor allem über soziale Beziehungen und psychologische Sicherheit. Humor ist kein Selbstzweck und keine Pflicht zum Lachen.

Voices-Interview mit Andrea Samson

Voices-Interview mit Prof. Dr. Andrea Samson, ordentliche Professorin an der Fakultät für Psychologie der FernUni Schweiz. Humor, positive Emotionen und die Regulation von Emotionen im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit spielen in mehreren ihrer Forschungsprojekte eine wichtige Rolle.

elipsLife: Andrea Samson, in welcher Situation haben Sie zuletzt Ihren Humor gebraucht?
Im Grunde brauche ich ihn fast täglich. Gerade in den letzten Wochen während der Prüfungszeit an der Uni gab es viele Situationen mit unerwarteten Problemen oder sehr viel Arbeitsbelastung. Humor hilft mir dann, kurz Abstand zu gewinnen und die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das löst das Problem nicht – aber es verhindert, dass man sich völlig darin verliert.

Humor braucht es nicht zum Überleben, aber er macht das Leben leichter. Stimmt das?
Ich würde sogar sagen, Humor gehört nicht zu den Grundbedürfnissen wie Essen oder Schlafen. Aber er ist ein erstaunlich wirksames Werkzeug, um mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Er ist weit mehr als nur Lachen, er dient der Emotionsregulierung, kann also negative Gefühle transformieren. Genau das untersuchen wir wissenschaftlich. Er verändert nicht die Situation, aber unsere emotionale Reaktion darauf. Humor hilft dabei, Stress zu reduzieren, schwierige Emotionen besser auszuhalten, Beziehungen zu stärken und selbst belastende Situationen etwas flexibler zu betrachten.

Das brauchen wir ja gerade jetzt besonders, in dieser instabilen Welt, in der viele Ängste hochkommen?
Ja, gerade in Krisenzeiten sieht man oft, dass Menschen beginnen zu scherzen – nicht weil ihnen die Situation egal wäre, sondern weil Humor, gerade auch etwas Galgenhumor, hilft, psychisch handlungsfähig zu bleiben.

Ist Humor eine angeborene Eigenschaft, man hat ihn oder eben nicht?
Es gibt durchaus Unterschiede darin, wie leicht Menschen lachen oder humorvoll reagieren. Da spielt natürlich die Persönlichkeit eine Rolle. Schon Babys lachen, wenn sie etwas als lustig wahrnehmen. Zum Beispiel, wenn Erwachsene eine Grimasse machen. Aber Humor ist auch etwas, das wir lernen. Kinder lernen Humor durch ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Kultur. Und Erwachsene können durchaus lernen, Humor gezielt als Bewältigungsstrategie einzusetzen. Nicht jeder muss zum Comedian werden. Aber fast jeder kann lernen, Situationen etwas spielerischer zu betrachten.

Nicht nur in Paarbeziehungen ist Humor wichtig. Umfragen zeigen, dass Mitarbeitende eine humorvolle Atmosphäre am Arbeitsplatz schätzen. Weshalb?
Eine humorvolle Atmosphäre bedeutet nicht, dass ständig Witze erzählt werden.
Sie zeigt sich vielmehr darin, dass man Fehler zugeben darf, miteinander lachen darf, sich die einzelnen nicht allzu ernst nehmen. Vor allem aber schliesst Humor niemanden aus. Natürlich nur, wenn er nicht auf eine bestimmte Person zielt. So fühlen sich die Mitarbeitenden wohl - und Wohlbefinden ist ein Schlüssel zu Vielem, auch am Arbeitsplatz.

Was bewirkt Humor am Arbeitsplatz?
Wir sehen mehrere Effekte: Bessere Zusammenarbeit, mehr Vertrauen, weniger wahrgenommener Stress, bessere Kommunikation, höhere Kreativität, mehr Zusammenhalt. Humor erleichtert oft auch schwierige Gespräche. Negativer Humor wie Sarkasmus oder Spott gilt es aber zu vermeiden. Sie sind oft verletzend. Diese Formen von Humor wirken meist genau gegenteilig.

Ist die Wirkung messbar?
Ja, wir können Humor mittlerweile auf ganz unterschiedliche Weise untersuchen.
Zum Beispiel messen Studien Stresshormone, Herzfrequenz, Wohlbefinden. Die Forschung zeigt allerdings: Entscheidend für den positiven Effekt ist nicht, wie viel gelacht wird, sondern warum gelacht wird. Gemeinsames Lachen ist wichtiger als übereinander zu lachen.

Sind Mitarbeitende, die viel lachen, gesünder?
Nicht automatisch. Lachen allein heilt keine Krankheiten. Aber Menschen, die regelmäßig positive soziale Interaktionen erleben und gemeinsam lachen
können, berichten häufig über weniger Stress und mehr Wohlbefinden.
Lachen ist sicher ein Puzzleteil eines gesunden Arbeitsumfeldes, aber kein Wundermittel. Humor ist eher ein Katalysator, der die Faktoren, die zum Wohlbefinden beitragen, unterstützt. Doch niemand sollte ständig lustig sein müssen am Arbeitsplatz, niemand sollte sich gezwungen fühlen, zu lachen, bloss weil der Chef oder die Chefin einen Witz gemacht hat. Humor, ein Lachen, wirkt sich nur dann positiv auf mich und die Gruppe aus, wenn es authentisch ist.

Wie schaffen Führungskräfte ein humorvolles Umfeld?
Vor allem, indem sie psychologische Sicherheit schaffen. Ein Umfeld also, in dem Humor erst möglich wird. Dafür müssen sie nicht selbst ständig Witze erzählen. Humor beginnt oft bei der Haltung und nicht bei der Pointe. Führungskräfte sollten authentisch bleiben, über eigene kleine Missgeschicke lachen können, eine gewisse Lockerheit zulassen. Aber auch die Menschen am Arbeitsplatz ernst nehmen und zum Beispiel Fehler nicht sofort sanktionieren, sondern zeigen, dass sowas mal passieren kann - auch ihnen selbst. Man kann Humor nicht verordnen, genauso wenig wie Kreativität.

Wie profitieren Unternehmen?
Das beginnt bei der besseren Kommunikation, geht über höhere Mitarbeitendenbindung, weniger Stress, mehr Kreativität und mehr Teamzusammenarbeit, führt aber auch zu weniger Konflikten und letztlich zu einer stabileren mentalen Gesundheit der Mitarbeitenden. Wenn man sich ansieht, wie sehr Ausfälle wegen Burnout, Erschöpfungsdepressionen und Ähnlichem zunehmen und für die Unternehmen teuer und organisatorisch oft aufreibend sind, dann wird klar, dass eine humorvolle Atmosphäre einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten kann.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Forschung?

  • Es gibt hilfreiche und weniger hilfreiche Formen von Humor. Affiliativer und selbstaufwertender Humor können das Wohlbefinden fördern. Aggressiver oder selbstabwertender Humor hingegen kann Beziehungen belasten. Und: Humor ist kein Selbstzweck, es gibt keine “Pflicht zu Lachen”.
  • Humor wirkt umso besser, wenn er authentisch ist, von Herzen kommt, könnte man sagen. Also kein aufgesetztes Lachen, weil es in einer bestimmten sozialen Situation “angebracht” scheint. Fun Fact: Für ein echtes Lächeln braucht es nur zwei Muskeln. Sind mehr beteiligt, ist es eine gemischte Emotion. Da spielen dann möglicherweise auch negative Gefühle rein.
  • Humor als Emotionsregulationsstrategie. Menschen nutzen Humor, um mit Stress, Unsicherheit oder negativen Emotionen umzugehen. Dabei zeigt sich,dass Humor besonders dann wirkt, wenn er die Situation in einem neuen Licht erscheinen lässt, ohne sie zu verleugnen. Diese Strategie, hat sich gezeigt, ist sogar wirksamer, auch langfristig, als die ernsthafte, “seriöse” Umdeutung der Situation, wie sie in Therapien oft angewandt wird.