echo-Interview, Januar 2026

Dank Mentaltraining Herausforderungen erfolgreich meistern – auch im Alltag

ELIPSLIFE ECHO – EINE GESPRÄCHSSERIE MIT GESELLSCHAFTSVERTRETERN ZU KERNTHEMEN AUS DEM KTG- UND DEM UVG-ÖKOSYSTEM

echo-Interview mit Monika Wicki-Hess

echo-Interview mit Monika Wicki-Hess, Mentaltrainerin, Hergiswil

elipsLife echo: Frau Wicki Hess, als Mentaltrainerin von Marco Odermatt haben Sie mitgeholfen, ihn an die Weltspitze des Skisports zu bringen und ihn dort zu halten. Wie gross ist der Anteil des Mentaltrainings an dieser Erfolgsgeschichte?
Monika Wicki-Hess: Der Anteil ist gross. Spitzenathleten gehören in ihrer Sportart zu den Allerbesten. Sie verstehen ihr Handwerk und am Schluss entscheidet die mentale Stärke darüber, ob ein Athlet oder eine Athletin zum Zeitpunkt X die volle Leistung abrufen kann. Deshalb spielt der mentale Bereich auf diesem Level eine sehr wichtige Rolle.

Wie oft ist ein Marco Odermatt bei Ihnen im Mentaltraining?
Am Anfang einer Zusammenarbeit sind die Treffen häufiger, zum Beispiel alle zwei Wochen. Da geht es darum, ein Fundament zu erarbeiten. In einer nächsten Phase bestimmen wir gemeinsam die Prioritäten und entwickeln zusammen geeignete Strategien für die spezifischen Herausforderungen. Sind diese Strategien definiert, kommt die Umsetzung in die Praxis. Dafür brauchen die Athleten Zeit. Sie müssen schauen, ob die gewählten Strategien funktionieren oder ob es Anpassungen braucht. Je mehr funktionierende Strategien ein Athlet hat, desto weniger Sessions braucht es.

Etwas konkreter: Wie sieht ein Mentaltraining für einen Profisportler aus?
Zunächst muss mir mein Gegenüber erzählen, was sie oder ihn belastet. In dieser Phase muss ich sehr gut zuhören und die richtigen Fragen stellen. Das ist durchaus mit einer psychologischen Beratung vergleichbar. Mit dem Unterschied, dass wir im Mentaltraining aktiv dabei helfen, ganz persönliche Strategien zur Bewältigung von Herausforderungen zu entwickeln. Wir geben Inputs und vermitteln Tools, mit denen die Sportler arbeiten können. Das Spektrum reicht vom gemeinsamen, auf die Person abgestimmten, autogenen Training über das Erlernen des Visualisierens bis hin zur Erarbeitung individueller Wettkampfvorbereitungen. Sehr wichtig ist die Kontrolle der Gedanken, insbesondere der negativen oder zweifelnden. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Jene Strategien umzusetzen, mit denen der Athlet seinen ganz persönlichen Herausforderungen erfolgreich begegnen kann.

Was kann Mentaltraining uns Normalsterblichen bringen?
Auch Nicht-Spitzensportler haben Herausforderungen, einfach auf einem anderen Gebiet und auf einer anderen Ebene. Studenten mit Prüfungsangst, Breitensportler, Familienfrauen oder Manager mit Versagensängsten brauchen genauso Strategien, um ihre Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Was unterscheidet Psychotherapie von Mentaltraining?
Im Unterschied zu Psychotherapeuten arbeiten Mentaltrainer immer mit gesunden Menschen. Unsere Kunden haben keine Befunde, weshalb wir auch viel aktiver und fordernder sein können. Wenn ich merke, dass ein Klient von mir nicht richtig mitzieht, kann ich schon mal auf den Tisch klopfen. Mein Erfolg hängt davon ab, wie gut mein Klient das, was wir gemeinsam entwickelt haben, in die Praxis umsetzen kann.

Die Fälle von Personen mit mentalen Gesundheitsproblemen nehmen seit Jahren zu. Warum beanspruchen immer mehr Menschen psychologische Hilfe?
Mentale Probleme sind heute kein Tabuthema mehr. Man darf sagen, dass es einem nicht gut geht oder dass man von einer Aufgabe überfordert ist. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass sich viele Menschen hinter solchen Aussagen verstecken, da es immer einen persönlichen Effort braucht, um die Probleme angehen und bewältigen zu können. Provokativ ausgedrückt: Personen, die den Mut haben zuzugeben, dass sie an ihre Grenzen stossen, erhalten viel Mitgefühl. Ich finde die Öffnung dem Thema gegenüber grundsätzlich richtig. Probleme sollten dann aber aktiv angepackt werden. Und es muss die Bereitschaft vorhanden sein, an sich zu arbeiten.

Könnte vermehrtes Mentaltraining den Trend hin zu psychologischer Behandlung brechen?
Ja, wenn man damit beginnt, bevor sich Herausforderungen in Krankheitsmuster verwandeln. Mit Mentaltraining lässt sich viel erreichen, denn es hilft, Menschen zu zeigen, dass sie vieles selbst in der Hand haben.

Spielt in diesem Zusammenhang ein gesundes Selbstbewusstsein eine Rolle?
Das Thema liegt mir sehr auf dem Magen: Wohlbehütete - oder besser gesagt überbehütete - Kinder sind keine Seltenheit. Kinder dürfen nie stürzen, dürfen den Kopf nie anschlagen, sie dürfen keine Wagnisse mehr eingehen. Die Eltern räumen ihnen sämtliche Hindernisse aus dem Weg. Doch die Eltern tun ihren Kindern damit keinen Gefallen. Denn ohne Stürze, Beulen und Blessürchen haben ihre Sprösslinge keine Erfolgserlebnisse. Stürzen, sich aufrappeln, wieder stürzen, sich wieder aufrappeln – bis es dann schliesslich klappt. Das schafft Erfolgserlebnisse. Diese wiederum stärken das Selbstbewusstsein. Menschen mit einem starken Selbstbewusstsein wissen, was sie können und sie sind auch mutiger, wenn sie ihre Komfortzone verlassen müssen.

Lange Wartezeiten auf psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe sind in der Schweiz ein Problem, insbesondere für Jugendliche. Wie schätzen Sie die Folgen ein?
Das erzeugt extremen Leidensdruck. Ich finde es unsäglich, wenn man eine Diagnose erhält und mit dieser über längere Zeit allein gelassen wird. Ohne Hilfe, ohne Betreuung. Die Eltern sind überfordert und auch die Kinder sind es aus verständlichen Gründen. Zu wissen, ich habe etwas, aber ich kann nichts dagegen tun und niemand hilft mir, ist das Schlimmste.

Wie können sich Unternehmen die Herausforderungen in Zusammenhang mit der mentalen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden besser meistern?
Die Stärken der Mitarbeitenden höher zu gewichten als ihre Defizite oder Fehler ist ein guter Anfang. Sowohl in der Wirtschaft als auch im Leistungssport orientiert sich die Leistungsbeurteilung leider immer noch stark an begangenen Fehlern, ohne diese genau zu analysieren und daraus Erkenntnisse für die Zukunft mitzunehmen. Werden Mitarbeitenden ständig nur die Fehler und Defizite unter die Nase gerieben, geht ihr Selbstbewusstsein verloren und die Leistungsfähigkeit sowie die Motivation nimmt ab. Weil der Fokus nur auf dem liegt, was er oder sie nicht kann, anstatt darauf, mit den gegebenen Ressourcen Aufgaben zuversichtlich anzugehen. Die Unternehmen sollten im eigenen Interesse dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden eine positive Einstellung haben.

Was macht heute einen guten Arbeitgeber aus?
Erstens Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden, zweitens das Zulassen von Fehlern und das Nutzen der daraus resultierenden Lehren für die persönliche Weiterentwicklung und drittens sollte genügend Erholungszeit eingeräumt werden. Begrüssenswert wäre ausserdem ein Umdenken in Bezug auf die Erwartung, dass Mitarbeitende jederzeit erreichbar sein müssen.

Müsste Mental Health einen grösseren Stellenwert in der Persönlichkeitsentwicklung haben – zur Prävention zum Beispiel?
Davon bin ich überzeugt. Wenn ich im Bereich Nachwuchsförderung Ski Alpin mit 12- bis 14-Jährigen zusammenarbeite und ihnen einfache Methoden wie Atemtechnik oder positives Denken vorstelle, sehe ich, wie dankbar, kreativ und gewillt sie sind, diese umzusetzen. Kinder und Jugendliche sprechen auf solche Dinge an und finden sie cool, vor allem wenn sie merken, dass es gar nicht so schwierig ist, selbst die Initiative zu ergreifen. Das Thema „Mentale Gesundheit” liesse sich generell gut in Schulen oder in der Lehrlingsausbildung einbringen. Wir leben in anspruchsvollen Zeiten und junge Menschen können in ihrer Persönlichkeitsentwicklung durchaus Unterstützung gebrauchen. Das wäre im Sinne einer langfristigen Prävention im Bereich der mentalen Gesundheit.

Zur Person
Monika Wicki-Hess
Mentaltrainerin, Hergiswil

Monika Wicki-Hess, 1964 in Stans geboren und in Altzellen, Grafenort aufgewachsen, gehörte als Monika Hess in den 80er-Jahren zum Weltcup-Skizirkus. Sie nahm 1982 an der Weltmeisterschaft sowie 1984 an den Olympischen Spielen in Sarajevo teil. Nach ihrem Rücktritt aus dem Spitzensport engagierte sie sich in der Erwachsenenbildung und wurde Familienfrau. Die Ausbildung zur Mentaltrainerin absolvierte sie von 2013 bis 2014 am Institut für Angewandte Psychologie (IAP) in Zürich. Seit 2006 präsidiert sie das Regionale Leistungszentrum Begabtenförderung Ski Alpin Hergiswil und seit 2022 den Rubin Club (Donatorenverein Zentralschweizer Schneesportverband). Zudem ist sie Stiftungsratspräsidentin des Seniorenzentrums Zwyden, Hergiswil. Wicki-Hess wohnt in Hergiswil, ist mit dem Politiker Hans Wicki verheiratet und hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder.

echo-Interview mit Monika Wicki-Hess

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