Fachartikel von Tamara Ruhberg, Oktober 2023

Mentale Gesundheit: Warum Wertsch├Ątzung ein zentraler Schl├╝ssel ist

Gesellschaftliche Veränderungen im Bereich mentaler Gesundheit stimmen nachdenklich. Trotz Wohlstand und unterstützender Technologie leiden mehr als die Hälfte der schweizerischen Arbeitnehmer unter Stress-Symptomen (2,3,5). Studien zeigen, dass zwischenmenschliche Faktoren wie Wertschätzung und Unterstützung grossen Einfluss auf persönliches Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit haben (3,9). Dabei ist fehlende Wertschätzung ein Hauptauslöser für psychosomatische Beschwerden, Erschöpfung und Burnout (3,9).

Doch warum hat das zwischenmenschliche Element für uns Menschen eine so herausragende Bedeutung? Die Soziobiologie liefert Antworten.

Schutzfaktor Wertschätzung
Eine umfassende Untersuchung von Hünefeld, Kopatz und Florian (2021) zum Wohlbefinden von Mitarbeitenden belegt, dass soziales Miteinander psychische, wie körperliche Gesundheit beeinflusst (9). Mitarbeitende, die nur selten oder gar keine Wertschätzung erfahren, entwickeln signifikant häufiger psychosomatische Beschwerden wie Erschöpfung, Reizbarkeit oder Schlafstörungen. Dabei werden sogar „harte“ Stressoren wie Termin- und Leistungsdruck oder körperlich anstrengende Tätigkeiten von Mitarbeitenden, die sich von ihren Vorgesetzten unterstützt fühlen, als weniger belastend wahrgenommen. Wertschätzung wirkt demnach als effektiver Stresspuffer.

Die genetische Verankerung der Wertschätzung
Lob und Anerkennung sind unabhängig des Alters oder der Sensibilität, essenzielle Grundbedürfnisse wie Sauerstoff, Wasser und Nahrung. Somit sind Wertschätzung, Anerkennung und soziale Zugehörigkeit fest in Maslows Pyramide verankert (1). Menschen streben danach, emotional berührt und in ihrer Ganzheitlichkeit anerkannt zu werden. Daher kann man Wertschätzung als "Düngemittel des Miteinanders" bezeichnen.

Die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, suggeriert die implizite Frage: "Welchen Wert habe ich für dich?" Werden Momente der mangelnden Wertschätzung nicht ausgeräumt, summieren sie sich. Auf Dauer kann eine kontinuierliche Missachtung das Selbstwertgefühl sowie die Gruppenzugehörigkeit erheblich beeinträchtigen (8). Darunter leiden gleichermassen mentale Gesundheit wie Vertrauen und Loyalität zum Arbeitgeber (10). Etwa die Hälfte aller Mitarbeitenden würde bei mehr Wertschätzung länger im Unternehmen bleiben und gar nicht erst an eine Kündigung denken (7).

Die Folge: seit der Post-Pandemie-Zeit priorisieren rund 70% aller Mitarbeitenden und 80% der C-Level Führungskräfte nach eigenen Angaben Gesundheit und Wohlbefinden vor der Karriere (5).

Von der Biologie zur Unternehmenskultur: Wertschätzung in der Praxis
Laut aktuellen Gallup-Zahlen (6) fühlt sich nur jeder dritte Mitarbeitende in seiner Arbeit genügend wertgeschätzt. Viele erleben routinemässig, dass ihr Engagement übersehen wird. Um eine wertschätzende Unternehmenskultur zu etablieren, sind folgende vier Säulen effektiv:

1) Ein einfaches «Danke»?
«Alles ist selbstverständlich geworden» - so lautet einer der häufigsten Gründe für gescheiterte Ehen. Gleiches gilt für beendete Arbeitsplatzbeziehungen (8). Führungskräfte sind daher in der einzigartigen Position, echte Veränderungen herbeizuführen. Alles beginnt, mit einem einfachen, ernst gemeinten «Danke». Wenn Menschen sich einer Aufgabe verschreiben, ihre wertvolle Zeit und Energie investieren, schätzen sie es, dafür gesehen zu werden.

2) One size does not fit all
Es kommt auf die richtige Dosierung an: Übermässiges Lob kann seine Bedeutung verlieren. Wahre Anerkennung sollte individuell, originell, ehrlich und authentisch sein und dabei die persönlichen Wertschätzungspräferenzen berücksichtigen.
Selbst kritisches Feedback kann wertschätzend sein, sofern es ehrlich vermittelt wird und realistische Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Es geht darum, aufrichtig in Kontakt zu treten und sich authentisch auf den Menschen einzulassen. Wertschätzungssensibilität bedeutet dabei, dass Positive kontinuierlich zu verstärken und das Prinzip "nicht gemeckert ist genug gelobt" hinter sich zu lassen.

3) Sprachen der Wertschätzung
Wen, was, wie, wann und wie oft? Aus mangelnder Übung fällt es vielen zu Beginn schwer, Wertschätzung natürlich und authentisch zu vermitteln. Dabei sind Lob und Anerkennung oft unkomplizierter und direkter als gedacht.
Wenn Wertschätzung erst "verdient" werden muss oder lediglich die lautesten Top-Performer hervorgehoben werden, dann riskiert man, einen Grossteil der Belegschaft zu demotivieren.
Mitarbeitende, unabhängig von ihrer Position oder Führungsebene, legen grossen Wert auf individuelle Anerkennung in verschiedenen Kategorien: Einsatz, Erfolge, Expertise, Unterstützung und gelebte Werte. Als besonders wertschätzend empfunden werden individuelle Wachstumschancen, Gehaltserhöhungen, Boni und herausragende Performance-Bewertungen, solange diese die erbrachte Leistung widerspiegeln.
Die Art der Anerkennung sowie Kommunikation ist ebenfalls entscheidend. Kleine Gesten können persönlich erfolgen, während grössere Erfolge vor höheren Führungsebenen und in einem breiteren Rahmen anerkannt werden sollten.

4) Wertschätzung mentaler Gesundheit
Kulturell verankerte systemische Wertschätzung fördert die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden. Programme, die das Bewusstsein für mentale Gesundheit schärfen und konkrete Ansätze bieten, wirken auf persönlicher und Teamebene. Ein bewährtes Beispiel hierfür ist die zweitägige Schulung zum "Ersthelfer für psychische Gesundheit", die von der Organisation ensa Schweiz zusammen mit der Stiftung Pro Mente Sana angeboten wird. Teilnehmende lernen, Frühwarnzeichen psychischer Erkrankungen zu erkennen und auf endstigmatisierende Weise proaktive Massnahmen zu ergreifen.

Fazit
Wertschätzung ist mehr als nur eine nette Geste oder eine Managementstrategie. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis mit tiefen Wurzeln in unserer Biologie und Sozialstruktur. Unternehmen, die dies erkennen und in ihre Kultur integrieren, setzen sich nicht nur ethisch, sondern auch in puncto Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit an die Spitze.



Quellen:
  1. Abraham Maslow (1940-1950). Bedürfnispyramide.
  2. AXA Mental Health Report. 2023
  3. CSS, (2022). Wie geht es Ihnen? CSS Gesundheitsstudie.
  4. Deloitte, (2019). The Practical Magic of ‘Thank You’ How your people want to be recognized, for what, and by whom. Deloitte Greenhouse.
  5. Deloitte, (2022). The C-suite's role in well-being analytics. Online: https://www2.deloitte.com/us/en/insights/topics/leadership/employee-wellness-in-the-corporate-workplace.html
  6. Gallup Workplace, (2016). Employee Recognition: Low Cost, High Impact. Online: https://www.gallup.com/workplace/236441/employee-recognition-low-cost-high-impact.aspx
  7. Glassdoor, (2013). Employers To Retain Half Of Their Employees Longer If Bosses Showed More Appreciation; Glassdoor Survey. Online: https://www.glassdoor.com/employers/blog/employers-to-retain-half-of-their-employees-longer-if-bosses-showed-more-appreciation-glassdoor-survey/
  8. Haller, R. (2019). Das Wunder der Wertschätzung: Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden. Graefe und Unzer
  9. Hünefeld, Lena; Kopatz, Florian, 2021. Unterstützung und Anerkennung durch Vorgesetzte: Wichtig für das Wohlbefinden der Beschäftigten. baua: Fakten 39. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
  10. Matyssek, AK (2012). Chefsache: Gesundes Team – gesunde Bilanz. Universum

 

Zur Person
Tamara Ruhberg
Corporate Health Manager

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