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echo-Interview, Oktober 2020

Auch die Babyboomer müssen zur Sanierung der Altersvorsorge beitragen

ELIPSLIFE ECHO - EINE GESPRÄCHSSERIE MIT PERSÖNLICHKEITEN AUS WIRTSCHAFT UND POLITIK

echo-Interview mit Patricia Mattle

echo-Interview mit Patricia Mattle, CEO elipsLife Schweiz/Liechtenstein

elipsLife echo: Frau Mattle, Sie sind Anfang April 2020, mitten im Corona-Ausnahmezustand, von der AXA Schweiz zu elipsLife gestossen. Wie sieht Ihre Bilanz nach einem halben Jahr im Amt als neuer CEO CH/LI aus?
Patricia Mattle: Ich ziehe eine gute, wenn auch etwas durchzogene Bilanz. Im Lockdown einen neuen Job zu beginnen, war schwierig, aber es hat gut funktioniert. Die positive und offene Kommunikationskultur von elipsLife war dabei ungemein hilfreich. Eine grosse Herausforderung war die Kontaktaufnahme mit den Kunden. In normalen Zeiten hätte ich in den ersten drei Monaten alle Kunden und Broker persönlich besucht. Corona hat das verunmöglicht, ich musste auf das Telefon ausweichen. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir wegen Corona in einer Wirtschaftskrise steckten: Zahlreiche Kunden wussten im April nicht, wie es weitergehen wird. Niemand hatte eine Ahnung, wie sich die Todesfallzahlen entwickeln und was noch alles auf uns zukommen würde. In einem solchen Umfeld beispielsweise den Preis für Mortalitäts- und Invaliditätsrisiken einzuschätzen, war wirklich herausfordernd.

Welches sind die konkreten Auswirkungen der Corona-Krise auf das Geschäft von elipsLife in der Schweiz?
Aktuell spüren wir keine Auswirkungen auf unser Buch, weil sich die Situation normalisiert hat und wir keine Ausfälle verzeichnen mussten. Allerdings wissen wir nicht, wie sich die Krise 2021 auswirken wird. Wir gehen davon aus, dass sich die Lohnsumme über alle Branchen hinweg um rund 5 Prozent reduzieren wird, was für uns zu entsprechend weniger Prämieneinnahmen führen würde. Da die Todesfallzahlen insgesamt nicht zu steigen scheinen, ist hingegen die Mortalität kein Business Problem für uns. Wir gehen aber davon aus, dass die Zahl der Invaliditätsfälle als Folge der Wirtschaftskrise steigen wird. 

Welches sind in Ihrem Marktgebiet die grössten Herausforderungen für elipsLife – ausser Corona? 
Auf der Krankentaggeld- und Unfall-Seite gab es in den letzten 2 Jahren eine starke Zunahme der Fälle. Das führte zu einem massiven Preisanstieg. Gewisse Firmen haben bereits Mühe, KTG-Anbieter zu finden, weil die Versicherer, auch elipsLife, selektiver werden. Auf der BVG-Seite gehen die Preise für Rückdeckungen - elipsLife bietet nur Rückdeckungen für Pensionskassen und Sammelstiftungen an, hat aber selber keine eigene Sammelstiftung - seit Jahren nach unten. Für Stiftungen und für Versicherte sind die tiefen Preise positiv. Stiftungen mit Stop-Loss-Deckungen oder solche ohne Rückdeckung können sich dank der tiefen Preise jetzt eine Rückdeckung leisten. Längerfristig stellt sich für die Versicherer aber die Frage, ob das Geschäft profitabel zu betreiben ist. Eine weitere Herausforderung ist die Digitalisierung. Mit der 10%-Beteiligung an der Sobrado Software AG, dem führenden Provider von Online-Dienstleistungen an der Schnittstelle zwischen Versicherern und Brokern, hat sich elipsLife in diesem Bereich gut positioniert. 

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Wie beurteilen Sie die Vorsorgelandschaft der Schweiz? 
Sie ist konsolidierend unterwegs, viele firmeneigene Pensionskassen verschwinden. Zahlreiche Kassen gehen in Sammelstiftungen auf. Ich beobachte ausserdem eine zunehmende Professionalisierung. Es ist für alle positiv, wenn sich keine schwarzen Schafe im Markt tummeln und keine Vorsorgegelder verloren gehen. 

Welche Konsequenzen hat der Trend hin zu Sammelstiftungen für elipsLife?
Für uns bedeutet diese Entwicklung eine kleinere Anzahl Kunden, dafür mehr Potenzial auf der Sammelstiftungs-Seite. Grosse Sammelstiftungen brauchen zwar keine Rückdeckung, mittelgrosse und kleinere indessen schon. Und da haben wir sehr gute Lösungen anzubieten. 

Der Bundesrat hat eine AHV-Reformvorlage verabschiedet, um die Finanzen der 1. Säule bis 2030 zu stabilisieren. Wo sehen Sie persönlich bei der AHV-Reform die Prioritäten?
Das Rentenalter muss erhöht werden. Anders bekommen wir die Situation nicht in den Griff. Meiner Meinung nach geht der Bundesrat mit Rentenalter 65/65 schlicht zu wenig weit, die Vorlage ist alles andere als zukunftstauglich. Da ist für mich die Initiative der Jungfreisinnigen „Rentenalter 66 für alle“ der bessere Ansatz, zumal ausgehend von 66 Jahren das zukünftige Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt wird. Leider fehlen der Initiative die abfedernden Massnahmen, nicht alle Menschen können bis 70 arbeiten. 

Der Bundesrat will die Mehrwertsteuer um 0.7% erhöhen. Wann ist aus ihrer Sicht die Schmerzgrenze erreicht?

Die Mehrwertsteuer muss man im Kontext sehen. Im internationalen Vergleich ist sie in der Schweiz sehr tief. Ich sehe deshalb kein grosses Problem, diese zur Finanzierung der AHV zu erhöhen. Leider schaffen wir es nicht, gewisse Produkte von der Mehrwertsteuer zu befreien. Länder wie Frankreich machen das besser. Dort sind Produkte des täglichen Lebens wie Grundnahrungsmittel oder gewisse Hygieneartikel für Frauen von der Mehrwertsteuer ausgenommen oder haben einen reduzierten Steuersatz. Luxusartikel zwecks Finanzierung der AHV mit 8 oder gar 9 Prozent zu belasten, stört mich herzlich wenig.

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Auch bei der 2. Säule besteht Reformbedarf. Der Bundesrat hat gestützt auf Arbeitgeberverband und Gewerkschaften einen Reform-Vorschlag aufgelegt, demnach soll der Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,0% fallen. Die entstehenden Rentenausfälle würden über einen via Lohnprozente finanzierten Rentenzuschlag kompensiert. Der richtige Weg?
Es ist vielleicht nicht der optimale Weg, aber wir sollten froh sein, jetzt endlich einen Kompromiss auf dem Tisch zu haben. Seit 2010 ist in Sachen Umwandlungssatz nichts, aber auch gar nicht passiert. Mit diesem Vorschlag sind wir nun einen Schritt weiter, auch wenn er vielleicht nicht perfekt ist. Erreichen wir so eine Senkung des Umwandlungssatzes, bin ich happy. 

Alle bürgerlichen Parteien lehnen aber die Umverteilung in der 2. Säule als systemfremd ab… 
… dann sollen sie bitte einen sinnvolleren Vorschlag bringen. Ich finde die Umverteilung in der 2. Säule auch falsch, aber ich sehe im Moment keinen anderen Vorschlag, um den überhöhten Umwandlungssatzes endlich zu senken.

Sollen die Rentenbezüger an der Sanierung des Vorsorgesystems beteiligt werden oder sind einmal erworbene Rentenansprüche tabu?
Nein, die sind nicht tabu. Rentenbezüger müssen ganz klar zur Sanierung beitragen. Die Jungen können nicht weiter die Babyboomer-Generation finanzieren. Die Babyboomer waren die letzten 30 Jahre an den Schalthebeln der Politik und Wirtschaft. Und aus meiner Sicht haben sie ihren eigenen Rucksack gefüllt. Das funktioniert nicht mehr. Die Babyboomer-Generation hätte viel früher die Altersvorsorge sanieren müssen. Das haben sie verpasst, jetzt müssen sie mitfinanzieren.

Das Parlament hat in der Herbstsession die Diskussion der AHV-Reform nicht aufgenommen, obwohl das Thema gemäss Umfragen vor allem junge Schweizerinnen und Schweizer stark beunruhigt. Was erwarten Sie von der Politik nun konkret?
Eine AHV-Reform, die brauchbar ist und beim Volk ankommt. Dann haben wir die 2. Säule, deren Reform von der 1. Säule entkoppelt worden ist. Politisch verstehe ich die Absicht des Bundesrats, eins nach dem anderen in Angriff zu nehmen. Trotzdem, die beiden Säulen lassen sich faktisch nicht entkoppeln. Das Ziel der ganzen Reform muss sein, die drei Säulen mit ihren Stärken so zu belassen, wie sie sind. Eine Schwächung der 2. Säule zugunsten der AHV wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Das Sparen für sich selber ist eine Errungenschaft, die wir unbedingt beibehalten müssen. Das hat niemand sonst in Europa und ist ausserordentlich wichtig. 

Befürworten Sie in diesem Fall Sie eine Stärkung der 3. Säule?
Auf jeden Fall, die Steuerabzugsmöglichkeiten müssen erhöht werden. Gleichwohl sehe ich den Fokus bei der 2. Säule. Hier braucht es eine an die modernen Lebensformen angepasste Flexibilisierung. Heute können die Pensionskassen weder auf Teilzeit noch auf Sabbaticals, Aus- und Elternzeiten oder auf Karriereveränderungen eingehen. Ich vermisse die Visionen, wie unsere Branche mit den neuen Lebensformen und Arbeitsmodellen umgehen will.

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Zur Person
Patricia Mattle
CEO elipsLife Schweiz/Liechtenstein

Patricia Mattle ist seit April 2020 bei elipsLife als CEO Schweiz/Liechtenstein verantwortlich für Central Europe. Sie hat einen Master in Marketing, Dienstleistungs- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen (HSG) und ist diplomierte Wirtschaftspädagogin HSG. Mattle ist im St.Galler Rheintal aufgewachsen und war während 10 Jahren in der Schweiz, in Frankreich und in den USA in der Assekuranz tätig. Vor ihrem Wechsel zu elipsLife war sie 2 Jahre Head of Pension Fund Management der AXA Schweiz. Die passionierte Joggerin ist politisch engagiert und war von 2008 bis Anfang 2015 Mitglied des Parteipräsidiums der CVP Schweiz. Sie ist verheiratet, Mutter einer einjährigen Tochter und lebt in Zürich.