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echo-interview, August 2018

Im Nachhinein Geld abzuzwacken ist unfair

ELIPSLIFE ECHO - EINE GESPRÄCHSSERIE MIT PERSÖNLICHKEITEN AUS DER WIRTSCHAFT

echo interview mit Marco Beng

echo-interview with Marco Beng, CEO der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung (EPI)

elipsLife echo: Herr Beng, die EPI wurde 1886 gegründet, um sich Menschen mit Epilepsie anzunehmen. Heute erfüllt die EPI als Mehrspartenunternehmen verschiedene Leistungsaufträge der öffentlichen Hand. Was ist darunter zu verstehen?
Marco Beng: Die Schweizerische Epilepsie-Stiftung führt als Mehrspartenunternehmen das EPI WohnWerk, ein Behindertenheim mit hohem Anteil an Bewohnern mit Epilepsie, die EPI Spitalschule, die Oberstufenschule Lengg und die Schenkung Dapples, ein offenes Jugendheim. Ausserdem bildet die Schweizerische Epilepsie-Stiftung gemeinsam mit der Stiftung Zürcher RehaZentren die Trägerschaft der Klinik Lengg AG, einer Klinik für Epileptologie und Neurorehabilitation. Rund 850 Mitarbeitende setzen sich für diese sozialen Aufgaben ein. Die Betriebe haben Leistungsaufträge vom Sozial-, vom Bildungs- und vom Gesundheitsdepartement des Kantons Zürich sowie vom Bundesamt für Justiz für das erwähnte Jugendheim.

Die Stiftung hat sich über die Zeit verschiedene weitere Aufgaben und Projekte zu Eigen gemacht. Welche?
Ein wichtiger Punkt ist die Sozialberatung für Epilepsiekranke. Epilepsie kann jede und jeden jederzeit treffen. Sie kommt nicht nur angeboren vor, sondern kann auch durch mechanische Einwirkungen ausgelöst werden: Ein Schlag auf den Kopf, ein Sturz von der Leiter, ein Autounfall. Aber auch durch Viren, Bakterien, Hirnschlag oder sonstige Veränderungen im Gehirn. Epilepsie reisst Betroffene plötzlich aus ihrem Alltagsleben. Für solche Fälle bieten wir eine umfassende Sozialberatung an, die zu einem Grossteil durch die EPI finanziert wird. Auch bei finanziellen Härtefällen von Patienten, z.B. durch hohe Rettungsdienstkosten springt die EPI ein. Bewohner im Behindertenheim erhalten Unterstützung, wie z.B. in den Bereichen Mobilität und Ferien oder indem die Stiftung Liegenschaften zur Abfederung von Einschränkungen mitfinanziert. Gewisse Teile der Forschung der Klinik gehören zur Weltspitze und werden ebenfalls von der EPI unterstützt.

A picture of Marco Beng giving the interview.

Wer ist die Trägerschaft?
Die EPI ist aus kirchlichen und schulischen Kreisen hervorgegangen. Vor rund 130 Jahren entstanden in ganz Europa Epilepsiezentren. Damals wurden an Epilepsie erkrankte Kinder noch in Psychiatrien gesteckt. Man merkte jedoch, dass dies zu kurz griff, weshalb für diese Kinder besondere Orte geschaffen wurden, um sie zu erziehen, zu unterrichten und bei epileptischen Anfällen medizinisch zu unterstützen. Dieser Trend erreichte auch die Schweiz und so wurde 1886 die Schweizerische Epilepsieklink auf dem heutigen Areal gegründet. Eine übergeordnete Trägerschaft gibt es nicht. Die EPI untersteht der eidgenössischen Stiftungsaufsicht, ist aber unabhängig.

Wie finanziert sich die EPI?
Die Betriebe sind weitgehend selbsttragend und finanzieren sich über die Leistungsaufträge. Der Stiftung gehört das Areal von rund 120‘000 Quadratmetern und die rund 50 Gebäude darauf. Dazu besitzt die EPI im Zürcher Seefeld und in Zollikon weitere Liegenschaften. Die Stiftung finanziert sich über die daraus entstehenden Mieterträge sowie über Spenden und Legate.

Die EPI betreibt die Klinik Lengg, zu der auch die Schweizerische Epilepsie-Klinik gehört. Kommt jede an Epilepsie erkrankte Person in der Schweiz in diese Klinik?
Wir pflegen eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Zürich und dem universitären Kinderspital. Für den Grossraum Zürich sind diese beiden Spitäler, zusammen mit unserer Klinik, Anlaufstelle für Erstabklärungen. Für den Rest der Schweiz sind wir ein spezialisiertes Zentrum. Selbstverständlich werden Epilepsiekranke auch in anderen neurologischen Kliniken behandelt. Anspruchsvolle Fälle kommen jedoch sehr oft zu uns.

Im EPI WohnWerk bietet die Stiftung Menschen mit Behinderung Arbeit und ein Zuhause an. Wie viele Personen können aufgenommen werden?
Das EPI WohnWerk verfügt über drei Wohnhäuser mit insgesamt rund 200 Wohnplätzen. Die 90 Arbeitsplätze in den Werkstätten sind für Menschen, die selbstständig arbeiten und punktuell Unterstützung brauchen. Die Tagesstätten bieten 110 Arbeitsplätze an. Die Klientinnen und Klienten gehen dort individuellen und für sie nachvollziehbaren Tätigkeiten nach.

Die EPI beschäftigt 850 Mitarbeitende. Spielt das Thema Vorsorge bei Neuanstellungen eine Rolle?
Generell ist es so, dass sich jüngere Leute in der Tendenz wenig für das Thema interessieren. Bei ihnen stehen ein gutes Salär und die Anzahl Ferientage im Vordergrund. Je näher allerdings die Pensionierung rückt, desto affiner sind Bewerber für das Thema Vorsorge.

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Die Altersvorsorge steht zuoberst auf dem Sorgenbarometer, doch seit 20 Jahren kommt keine Reform mehr zu Stande. Nun will der Bundesrat die Sanierung der 1. Säule vorziehen und bei der Finanzierung vor allem auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer setzen. Eine gute Idee?
Eine einzige Massnahme wird zur Sanierung der AHV sicher nicht genügen. Die massvolle Erhöhung der Mehrwertsteuer ist deshalb als Teil zur Sanierung sicher in Betracht zu ziehen. Daneben sind aber während der Beitragsdauer auch höhere Beiträge einzuzahlen. Nur so lässt sich die wegen der gestiegenen Lebenserwartung längere Bezugsdauer finanzieren.

Wie stehen Sie zum Rentenalter 65 für Frauen?
Ich sehe nicht ein, weshalb Frauen, die ja eine einige Jahre höhere Lebenserwartung haben als Männer, weniger lang arbeiten sollten. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, dass Frauen gleiche Löhne wie die Männer erhalten müssen. Ich vermute, dass die Löhne von Männern und Frauen bei der EPI gleich sind. Aber genau weiss ich es nicht, daher werden wir diesen Punkt demnächst genauer prüfen. Keine gute Idee finde ich die fixe Erhöhung des Rentenalters auf 67 oder 70. Vielmehr müsste das Rentenalter flexibilisiert werden.

Zu den Pensionskassen: Besteht nicht die Gefahr, dass Zinsumfeld und demografische Entwicklung die 2. Säule aus den Angeln heben und wir Opfer von nicht finanzierbaren Leistungsversprechen werden?
Die Gefahr besteht durchaus. Es wird immer schwieriger, bei den tiefen Zinsen die notwendige Rendite zu erzielen. Im Moment brummen zwar die Aktienmärkte, ich bin aber skeptisch, dass diese Entwicklung nachhaltig ist. Aufgrund der Demographie findet heute eine Quersubventionierung der Vorsorge von den Jungen, sprich Arbeitstätigen, hin zu den Alten, sprich Rentnern, statt. Da muss ein Ausgleich gefunden werden. Und man muss die Jungen von den Vorteilen überzeugen, frühzeitig mit dem Ansparen für die Vorsorge zu beginnen. Auch hier sehe ich höhere Beiträge.

Sollen Rentenbezüger an der Sanierung der 2. Säule beteiligt werden oder sind erworbene Rentenansprüche tabu?
Wer Rente bezieht, hat ja praktisch keine Möglichkeit, allfällige Kürzungen aufzufangen. Das würde in vielen Fällen die Gefahr für Altersarmut schaffen. Wenn ich das Rentenalter erreicht und immer für meine Vorsorge einbezahlt habe, möchte ich Gewissheit haben, finanziell abgesichert zu sein. Ich möchte nicht befürchten müssen, dass mir im Nachhinein noch Geld abgezwackt wird. Das fände ich unfair, und es würde die Generationensolidarität aushebeln.

Ist die 3. Säule vom Staat mehr zu fördern, um die 1. und 2. Säule zu entlasten?
Ich denke nicht, dass ein Ausbau der Förderung der 3. Säule eine wesentliche Verbesserung bringt. Die 1. und die 2. Säule sind gute Instrumente, wenn sie denn auf einem gesunden Fundament stehen. Ich denke aber, die 2. und die 3. Säule sollten besser bekannt gemacht werden. Es ist erstaunlich, wie wenig von der Gelegenheit Gebrauch gemacht wird, zusätzlich in die 2. und 3. Säule einzubezahlen und dies auch von Mitarbeitenden, die es sich gut leisten könnten.

Wenn Sie heute den Pensionskassen einen Rat geben könnten: Wie würde dieser lauten?
Erstens das Geschäft umsichtig betreiben und nicht zu stark auf die Fortführung der aktuellen Aktien-Hausse setzen. Zweitens diversifizieren, um das Risiko möglichst breit zu verteilen und drittens den Umwandlungssatz auf einen Wert bringen, mit dem auch mittel- und langfristig die Renten gesichert werden können.

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Zur Person
Marco Beng
CEO der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung (EPI)

Marco Beng, 1967, ist CEO der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung, die Dienstleistungen im Gesundheits-, Sozial-, und Bildungswesen, insbesondere für Menschen mit Epilepsie, erbringt. Nach der Ausbildung zum Dipl. El. Ing. ETH war er in Industrieunternehmen wie Honeywell, Phoenix Controls und Siemens in leitenden Positionen in Südamerika, USA und Europa tätig. 2002 absolvierte er ein Executive MBA in Madrid. Der Einstieg ins Gesundheitswesen erfolgte bei der Siemens Schweiz AG. Von 2006 bis 2016 führte Beng das Spital Muri als CEO. Er ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und wohnt auf dem Mutschellen im Kanton Aargau.

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