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echo-Interview, Januar 2022

Psychische Gesundheit wird zum Erfolgsfaktor für Unternehmen

ELIPSLIFE ECHO - EINE GESPRÄCHSSERIE MIT PERSÖNLICHKEITEN AUS WIRTSCHAFT UND POLITIK

echo-Interview mit Roger Staub

echo-Interview mit Roger Staub, Geschäftsleiter Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana

elipsLife echo: Pro Mente Sana wurde 1978 als Schweizerische Stiftung im Interesse psychisch beeinträchtigter Menschen gegründet. Können Sie die Arbeit der Stiftung kurz umschreiben?
Roger Staub:
Seit ihrer Gründung setzt sich Pro Mente Sana für die Rechte von Menschen mit psychischer Belastung ein. Wir beraten und unterstützen Betroffene sowie Angehörige und schulen Laien in Erste-Hilfe-Kursen. Zudem klären wir die Bevölkerung auf und sensibilisieren sie für das Thema. 

Wer nimmt die Leistungen von Pro Mente Sana in Anspruch?
Unseren Treffpunkt Nordliecht besuchen psychisch beeinträchtigte Menschen – Leute, die am Rand der Gesellschaft stehen. Unsere Telefonberatung nehmen Betroffene, Angehörige und Fachpersonen in Anspruch. Immer öfters suchen auch Sozialdienstmitarbeitende in Gemeinden unsere Beratung. Die Erste-Hilfe-Kurse besuchen Leute, die Menschen in ihrem Umfeld, denen es psychisch schlecht geht, helfen wollen. Unsere Sensibilisierungs-Kampagne «Wie geht’s dir?» richtet sich an die Bevölkerung und erreicht gerade junge Menschen gut.

Wer steht hinter der Organisation?
Pro Mente Sana ist eine Stiftung. In allen Gremien funktionieren wir trialogisch, also Betroffene, Angehörige und Fachpersonen arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Bezüglich Finanzierung arbeiten wir im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV). Wir beraten und begleiten Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und führen für sie auch den Treffpunkt. Daneben suchen wir über Fundraising Geld für Projekte und generieren Einnahmen mit Eigenleistungen wie Vorträgen, Seminaren, Workshops und den Erste-Hilfe-Kursen. Geld ist für uns ein Dauerthema, weil die Spendenbereitschaft wegen der weitverbreiteten Vorurteile gering ist. 

Können Sie das vertiefen?

Aussagen wie «Für Leute, die spinnen, spende ich doch nicht», hören wir oft. Dagegen kämpfen wir mit Lobbying-Aktivitäten und politischer Aufklärungsarbeit an. Wir wollen das Tabu «psychische Erkrankung» brechen und dazu beitragen, dass offen über das Thema gesprochen werden kann.

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Ist die Tabuisierung von psychischen Beeinträchtigungen dermassen gross?
Ja. Betroffene Menschen spüren sofort, dass sie zu jenen gehören, über die generell schlecht gesprochen wird. Deshalb versuchen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen alles, um ihr Problem zu verstecken. Auch aus Angst vor Arbeitsplatzverlust. Je länger aber eine psychische Belastung nicht behandelt wird, desto schlechter ist die Prognose und desto teurer die Behandlung. Leichte Depressionen sind einfach zu heilen, eine schwere Depression bedeutet hingegen meistens stationärer Aufenthalt, Jobverlust und massive Probleme in den Beziehungen. 

Das Tempo am Arbeitsplatz steigt. Viele Erwerbstätige leiden unter Stress, was zu Produktivitätsverlusten für die Unternehmen führt. Ist es nicht im Interesse der Arbeitgeber, in die Gesundheit ihrer Belegschaft zu investieren?
Die psychische Gesundheit der Belegschaft wird für Unternehmen in den nächsten zehn Jahren zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Jene Firmen, die etwas dafür machen, haben gemäss einer neuen Studie von Deloitte die Chance auf einen Return on Investment (ROI) von mindestens 5:1. Jeder in die psychische Gesundheit investierte Franken hat das Potenzial, fünf Franken zurückzuspielen – in Form vermiedener Kosten und realisierter Arbeitsleistung. Denn Mitarbeitende, die nicht krank sind, arbeiten besser. 

Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass über 1 Million Menschen in der Schweiz Medikamente gegen Depression, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen einnehmen. Hat die Corona-Pandemie die Situation verschärft?
Eindeutig, Studien belegen bereits, dass vor allem Junge massiv leiden. Jenen, denen es schon vor Corona aufgrund psychischer Beeinträchtigungen nicht gut ging, geht es jetzt noch schlechter. Im Fokus stehen aber die 16- bis 25-Jährigen, bei denen die schweren Depressionen von 7% vor der Pandemie um den Faktor 4 auf aktuell rund 30% gestiegen sind. Jeder dritte junge Mensch ist depressiv und die Wartefristen für Behandlungen sind unsäglich lang. Das ist ein Skandal! 

Welche Folgen befürchten Sie?

Zu Depressionen gehören als Begleiterscheinung immer auch Suizidgedanken. Sind also viermal mehr Jugendliche depressiv, heisst das am Schluss auch viermal mehr Suizide. Wenn ich sehe, wie Bundesrat und Parlament heute reagieren, sträuben sich mir die Nackenhaare. Der Bundesrat wird in zwei Jahren einen Bericht über die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen präsentieren und eine Zunahme um den Faktor 4 feststellen. Aber zweifellos wird sich der Bundesrat dannzumal ob der Zunahme von Suiziden bei jungen Menschen erneut «völlig überrascht» zeigen.

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Spielt das Homeoffice in diesem Zusammenhang eine Rolle?
Ja, wobei es wiederum jene mehr trifft, denen es vorher schon nicht so gut ging. Nehmen sie eine Familie mit zwei Kindern: Beide Elternteile in einer kleinen Wohnung im Homeoffice, die Kinder stressen mit blosser Anwesenheit und Hausaufgaben, keine Rückzugsmöglichkeiten, keine Ruhe – schrecklich! Für besser Situierte kann Homeoffice dagegen wunderbar sein: grosszügige Wohnung, kein Zeitverlust durch Pendeln und bei Zoom-Sitzungen lässt sich sogar das Bild abschalten. Fakt ist: In der Corona-Krise ist es jenen, denen es vorher schon gut ging, eher besser gegangen. 

Viele Unternehmen schreiben sich das betriebliche Gesundheitsmanagement auf die Fahne. Wie beurteilen Sie die Aktivitäten im Bereich Care Management?
Bei psychischen Belastungen ist frühes Reagieren besser, erfolgversprechender und schliesslich billiger. Deshalb begrüssen wir jede Aktivität in Firmen, die auf früheres Erkennen und Abklären psychischer Erkrankungen abzielt. Wir sehen in diesem Zusammenhang interessante Initiativen vor allem von Krankentaggeld-Versicherern. 

Wo sehen Sie Schwachstellen?
Oft macht das Case Management einen guten Job. Geht die Zuständigkeit dann aber an eine andere Stelle über, zum Beispiel die IV, beginnt alles nochmals von vorne. Die Betreuung fällt in ein Loch. Früher hatten wir überlappende Sozialversicherungssysteme. Heute ziehen sich die Versicherungssysteme wegen des Spardrucks zurück und investieren viel Zeit und Heerscharen von Juristen, um zu begründen, warum sie im konkreten Fall nicht zuständig sind. Dieses Verhalten führt zu Löchern im System. Statt Hilfe bekommen betroffene Jugendliche schlechte Noten, fliegen von der Schule und brechen Lehren ab. So landen junge Erwachsene mit 25 in der IV. Das ist tragisch, weil solche Menschen ein tristes Leben am Rand der Gesellschaft vor sich haben. Dass wir uns als Gesellschaft das leisten und gleichzeitig den Fachkräftemangel beklagen, macht mich wütend.

Kommen wir zur Altersvorsorge. Das Parlament hat im Rahmen der neusten AHV-Revision die Erhöhung des Frauen-Rentenalters auf 65 Jahren beschlossen. Wie stehen Sie dazu?
Für mich gehört die Erhöhung des Frauen-Rentenalters auf 65 zur Gleichberechtigung. Um dieser zu genügen, hätte man das Rentenalter der Männer aber auch auf jenes der Frauen heruntersetzen können. Ich halte das Rentenalter 65 grundsätzlich für falsch. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern wegen der Fitness. Es gibt Berufe, für die Rentenalter 65 viel zu spät ist und es gibt solche, bei denen das Rentenalter 65 zu früh kommt. Mit dem sturen Festhalten an einem fixen Alter verlieren wir enormes Potenzial an erfahrenen Fachkräften. 

Auch die Revision der 2. Säule steht zur Diskussion. Mit einer Senkung des Umwandlungssatzes soll die Umverteilung von Jung zu Alt gebremst werden. Wo sehen Sie die Prioritäten bei der Sanierung der 2. Säule?
Die Umverteilung der Last von den Jungen zu den Alten ist falsch. Wie sich die Lebensqualität in den letzten 50 Jahren entwickelt hat, ist einzigartig. Da gibt es kaum Gründe, weshalb jetzt die jungen Leute die Renten der «Babyboomer-Generationen» zahlen sollten, die von dieser Entwicklung ungemein profitieren konnte.

Sollen sich auch Rentenbezüger an der BVG-Sanierung beteiligen oder sind erworbene Rentenansprüche tabu?

Grundsätzlich schliesse ich eine Beteiligung nicht aus. Aber es gilt zu beachten, dass sich viele der in näherer Zukunft in Rente gehenden Leute über die Senkungen des Umwandlungssatzes im überobligatorischen Teil bereits an der Sanierung beteiligt haben. Ob später Anpassungen bei den gesprochenen Renten zwingend nötig sind, wird sich zeigen. Sicher ist zu beachten, dass es nicht wieder jene trifft, die bereits jetzt schon wenig haben. 

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Zur Person
Roger Staub
Geschäftsleiter Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana

Roger Staub, 1957, ist in Sternenberg im Kanton Zürich als Sohn eines Käsers aufgewachsen. Er promovierte in Zürich zum Sekundarlehrer. 1985 war er Mitgründer der Aids-Hilfe Schweiz. 1986 wechselte er nach Bern zum Bundesamt für Gesundheit ins erste Aids-Team. In der Folge widmete er rund 30 Jahre seines Lebens der HIV-Prävention. In dieser Zeit erwarb er einen Master in Public Health und einen Master in angewandter Ethik. Seit 2017 ist Staub Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana. Der begeisterte Segler lebt in eingetragener Partnerschaft, war sieben Jahre Präsident des Schweizerischen Segelverbands und ist Präsident der Stiftung Historische Zürichsee Boote.

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Durch die jährliche Unterstützung der Pro Mente Sana, setzt sich elipsLife u.a. aktiv für das Thema Mental Health ein, denn psychische Gesundheit geht uns alle an. Zudem unterstützt elipsLife Arbeitgeber bei der Gesunderhaltung ihrer Belegschaft mit verschiedenen Angeboten auch im Bereich der mentalen Gesundheit.