Fachartikel von Patricia Mattle in der Schweizer Personalvorsorge, April 2021

Corona-Pandemie: Erkenntnisse für Lebensversicherer

Die Pandemie bringt die historischen Sterblichkeitsraten durcheinander und erschwert Zukunftsprognosen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie1 stellt das Swiss Re Institute fest, dass insbesondere Lebensversicherer von den Sterblichkeitsfaktoren sowie den längerfristigen, noch wenig bekannten Gesundheitsfolgen betroffen sind.

Bislang veröffentlichte Studien zeigen, dass Männer eher an einer Coronainfektion sterben als Frauen. Darüber hinaus bestehen klare Zusammenhänge zwischen Alter und Todesrate. Laut Swiss Re Institute haben zudem Menschen, die übergewichtig sind, aus ärmeren Verhältnissen stammen und an einer Reihe von Vorerkrankungen leiden, ein höheres Risiko, schwer am Coronavirus zu erkranken oder daran zu sterben.

Verbreitung in Pflegeheimen
Die Studie des Swiss Re Institute identifiziert wie andere auch die Verbreitung des Virus in Pflegeheimen als einen der Hauptgründe für die hohen Sterblichkeitsraten. Allein in den USA ereigneten sich 30 % bis 40 % der Todesfälle in Pflegeheimen. Ähnliches war auch in anderen westlichen Ländern zu beobachten, wobei die Sterblichkeit in Pflegeheimen aufgrund des Coronavirus stark variierte.

In der Schweiz starben rund 49% der am Coronavirus erkrankten Personen in einem Alters- und Pflegeheim. Allerdings lebte ein nicht abschätzbarer Teil der in Spitälern verstorbenen Personen vorher in einem Alters- und Pflegeheim. Daher ist die Gesamtzahl der Alters- und Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus starben, unbekannt. Gemäss Bundesamt für Gesundheit starben während der zweiten Welle mehr Personen in Pflege- und Altersheimen (2686 Todesfälle) als in Spitälern (2138). Wirksame Schutzmassnahmen in Alters- und Pflegeheimen wurden oft zu spät eingeführt. Gemäss Swiss Re Institute verkürzte das Coronavirus das Leben vieler Alters- und Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner um ein paar Monate bis zu mehrere Jahre.

Signifikante Übersterblichkeit
Das Swiss Re Institute stützt die Aussagen zur Übersterblichkeit auf eine Studie von EuroMOMO (European Mortality Monitoring), die die Übersterblichkeit während der letzten fünf Jahre (Juni 2015 bis 12. Juni 2020) in europäischen Ländern vergleicht. Demnach verursachte das Coronavirus eine signifikante Übersterblichkeit. Es starben mehr Menschen, als sich dem Coronavirus zuordnen lassen. Die Gründe dafür sind folgende: Todesfälle in Pflegeheimen oder an anderen Orten hatten zwar einen Bezug zum Coronavirus, wurden aber nicht zu den durch das Virus verursachten Todesfällen gezählt. Es gab zudem vorzeitige Todesfälle, weil Behandlungen anderer Krankheiten wie Krebs aufgrund der Pandemie unterbrochen wurden.

Ein Blick in die Schweiz zeigt dem Bundesamt für Statistik zufolge, dass es Mitte April 2020 im Vergleich zur normalen Sterblichkeit innert einer Woche zu mehr als 400 zusätzlichen Todesfällen kam. Betroffen war nur die Altersgruppe der über 65-Jährigen. Auf die Sterblichkeit von Jüngeren hatte das Coronavirus keinen statistisch signifikanten Einfluss. Ab Mitte Oktober und dem Einsetzen der zweiten Welle stieg die Sterblichkeit bei den über 65-Jährigen wieder über das langjährige Mittel. Die Sterblichkeit bei jüngeren Altersgruppen lag im Normalbereich.  

Grafik wöchentliche Todesfälle

Einfluss auf das Underwriting
Obwohl die Pandemie noch nicht vorbei ist und es noch länger dauern wird, bis die Folgen umfassend geklärt sind, lassen sich bereits jetzt wichtige Erkenntnisse für Lebensversicherer ableiten. Von besonderem Interesse sind die längerfristigen Auswirkungen der Infektionskrankheit, weil diese die laufenden Versicherungspolicen betreffen und in Zukunft das medizinische Underwriting beeinflussen werden. Bereits heute zeichnen sich Methodenänderungen zur Qualitätsverbesserung im Underwriting sowie die Neubewertungen von Risiken ab.

Alter
Da das Alter in Bezug auf die Corona-Todesfälle eine wichtige Rolle spielt, kann der Altersmix der in einem Portfolio versicherten Personen sehr unterschiedliche Sterblichkeitsraten aufweisen. Das Swiss Re Institute sieht auch Hinweise auf einen bedeutenden, steigenden Sterblichkeits-Prozentsatz bei jüngeren Personen – insbesondere bei Personen mit Vorerkrankungen.

Geschlecht
Männer mit einer Coronavirusinfektion haben eine höhere Todesrate als Frauen. Portfolios mit einem deutlich höheren Männeranteil sind wahrscheinlich stärker betroffen als solche mit ausgeglichenerem Geschlechteranteil.

Gesundheitsfaktoren
Personen, die eine Lebensversicherung abschliessen wollen, müssen sich in der Regel einem Gesundheitscheck unterziehen. Erfahrungsgemäss weist diese Gruppe eine bessere Gesundheit auf als die breite Bevölkerung. Da Vorerkrankungen ein wichtiger Faktor für Todesfälle in Zusammenhang mit dem Virus sind, ist zu erwarten, dass die Corona-Sterblichkeitsraten in Versicherungsportfolios tiefer sind als bei der Allgemeinbevölkerung. Trotzdem wird auch die Mortalität der versicherten Bevölkerung wegen der Pandemie höher ausfallen als im bisherigen Durchschnitt. Um in Zukunft die Risiken in Zusammenhang mit Coronaerkrankungen genauer und detaillierter bewerten zu können, werden die Underwriting-Prozesse anzupassen sein.

Stadt versus Land
Beim Vergleich der altersbereinigten Sterblichkeitsraten aufgrund der Coronaviruserkrankungen nach geografischen Gebieten deutet gemäss Swiss Re Institute vieles darauf hin, dass grosse Ballungsräume – insbesondere internationale Verkehrsknotenpunkte – viel höhere Sterblichkeitsraten aufweisen als nichtgrossstädtische Gebiete.

Langzeitfolgen
Auch wenn wir jeden Tag neue Erkenntnisse über das Infektionsgeschehen gewinnen, die Forschung zu den langfristigen Auswirkungen des Coronavirus hat erst begonnen. Relevante Daten zu signifikanten Gesundheitsschäden an Organen oder den Konsequenzen auf psychische Erkrankungen sind heute nur spärlich vorhanden. Als Lebensversicherer können wir erste Lehren bereits in unser Underwriting einfliessen lassen. Die entscheidenden Hinweise zu den langfristigen Auswirkungen auf unser Geschäft stehen noch aus.

Quelle: 
1Swiss Re Institute: Unravelling the true death toll of COVID-19 of Priya Dwarakanath and Hengchang Pan, 2020.

Zur Person
Patricia Mattle
CEO elipsLife Central Europe

Fachartikel von Patricia Mattle «Corona-Pandemie: Erkenntnisse für Lebensversicherer»

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