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A picture of Barbara Schmid-Federer giving an interview
echo-Interview, Dezember 2019

Die Pensionskassen müssen Stellung beziehen

ELIPSLIFE ECHO - EINE GESPRÄCHSSERIE MIT PERSÖNLICHKEITEN AUS DER WIRTSCHAFT

echo-Interview mit Barbara Schmid-Federer

Barbara Schmid-Federer, Präsidentin Pro Juventute und ehemalige CVP-Nationalrätin

elipsLife echo: Pro Juventute ist in den letzten stark aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Wegen des Wegfalls des Briefmarkenverkaufs oder aus anderen Gründen?
Barbara Schmid-Federer: Diese Aussage würde ich so nicht stehen lassen wollen. Pro Juventute wurde 1912 für den Kampf gegen die Kinder-Tuberkulose gegründet. Den Bau der Kliniken sicherte man damals via Briefmarkenverkauf. Der Briefmarkenverkauf hat finanziell nur noch eine kleine Bedeutung und deshalb sind heute tatsächlich viel weniger Kinder für Pro Juventute unterwegs als vor dreissig Jahren. Bei unseren Zielgruppen, den Kindern und Jugendlichen und ihrem Umfeld, sind wir mit Schwerpunktthemen aber sehr wohl präsent und bekannt. Pro Juventute wird mit der Einführung von fünf neuen Regionalstellen auch wieder lokal präsenter werden. 

Welche Leistungen erbringt Pro Juventute heute für Kinder und Familien?
Die Anlaufstelle für Jugendliche und Kinder Beratung + Hilfe 147 ist sicher unsere bekannteste Dienstleistung. Im Schnitt suchen hier täglich rund 350 Kinder Hilfe, oftmals in Zusammenhang mit gravierenden persönlichen Problemen oder sogar Suizidabsichten. Pro Juventute hat in den letzten Jahren neue Beratungskanäle eröffnet, etwa einen Chat, in dem Jugendliche andere Jugendliche beraten. Diesen Weg wollen wir weiter verfolgen und Kinder und Jugendliche noch vermehrt auf digitalen Kanälen erreichen. Pro Juventute verschickt auch die Elternbriefe mit praktischen Tipps für den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Sehr viele frischgebackene Eltern in der Schweiz erhalten diese Informationsbriefe und schätzen sie sehr. 

Wie viele Projekte hat Pro Juventute am Laufen und wie viele Kinder profitieren davon?
Rund 265‘000 Kinder und Jugendliche sowie 100‘000 Eltern nutzen unsere Dienstleistungen jährlich. Wir verfolgen fünf strategische Schwerpunkte: psychische Gesundheit, Partizipation, frühe Kindheit, Medienkompetenz und Übergang Schule/Beruf. Pro Thema haben wir mindestens sechs verschiedene Projekte am Laufen. Unser Angebot ist sehr breit und umfasst Ferienangebote für Kinder, die mit ihren Familien nicht in die Ferien fahren können, oder Präventionsmassnahmen zu Themen wie Medien- oder Finanzkompetenz. Während meiner politischen Tätigkeit war Medienkompetenz übrigens persönliches Schwerpunktthema. Ich habe schon 2008/2009 mit Pro Juventute das Thema Jugend und Internet und die damit verbundenen Gefahren im Nationalrat aufs Tapet gebracht.

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Wie erspürt Ihre Organisation die Probleme der Jugend – woher stammen die Impulse für Ihre Projekte und Angebote?
Pro Juventute kennt aus der Beratungstätigkeit beim 147 und der Elternberatung die Sorgen der Schweizer Kinder und Jugendlichen, wie wohl wenig andere Organisationen. Wir sind gut mit der Fachwelt vernetzt und im engen Kontakt mit den Schulen. Wir lassen unsere Angebote auch von engagierten Jugendlichen beurteilen und entwickeln diese zusammen mit ihnen.

Warum ist die Wahl als neue Stiftungsratspräsidentin gerade auf Sie gefallen?
Als ehemalige Nationalrätin, die sich im Nationalrat politisch stark für Kinder und Jugendliche eingesetzt hat, habe ich ein anderes Profil als mein Vorgänger Josef Felder, ein Finanz- und Wirtschaftsfachmann. Er war 2008 in diese Funktion berufen worden und hat erreicht, dass Pro Juventute 2012 das 100 Jahre Jubiläum feiern konnte. Bei seinem Amtsantritt war nicht sicher, ob Pro Juventute die nächsten zwei Jahre finanziell überleben würde. Er hat in seiner zehnjährigen Amtszeit Pro Juventute auf hervorragende Art und Weise organisatorisch und finanziell wieder auf stabile Beine gestellt. Nach der erfolgreichen Sanierung suchte die Stiftung eine Person, die mit Familienpolitischen- und Kinderthemen vertraut und in der Politik gut vernetzt ist. Meine Pionierarbeit im Bereich Medienkompetenz zum Thema Kind und Internet war sicher auch ein Grund für meine Wahl. Es ist mein Ziel, die politische Präsenz von Pro Juventute massiv zu steigern.

Welches sind die grössten Herausforderungen, mit denen Sie sich als neue Stiftungsratspräsidentin befassen müssen?
Das Thema Digitalisierung steht zuoberst auf der Liste. Die Entwicklung in diesem Bereich ist gerade bei Jugendlichen so schnell, dass wir Vollgas geben müssen. Zweitens wird Pro Juventute wie alle anderen NGOs auch das Online-Fundraising verstärken. Drittens freue ich mich sehr auf das Implementieren der neuen Regionalstellen. Schliesslich habe ich den Ehrgeiz, Pro Juventute wieder vermehrt ein öffentliches Gesicht zu geben. Geht es um Jugendliche und Kinder, soll unsere Organisation an erster Stelle stehen. 

Wieviele Personen arbeiten für Pro Juventute? 
Aktuell sind total 170 Personen bei Pro Juventute tätig, sie besetzen 91 Vollzeitstellen. Die Stiftung Pro Juventute setzte im vergangenen Jahr 18.636 Mio. Franken für die Arbeit zugunsten von Kindern und Jugendlichen mit ihren Eltern ein.

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Der Bundesrat hat Ende August eine AHV-Reformvorlage verabschiedet, um die Finanzen der 1. Säule bis 2030 zu stabilisieren. Die Linke ist gegen die Erhöhung des Rentenalters für Frauen, den Bürgerlichen fehlen Lösungen für die strukturellen Probleme der AHV. Wie sehen Sie den Vorschlag? 
Ich stand mit viel Herzblut hinter der Vorlage AV2020. Wir hatten damals das Ei des Kolumbus gefunden. Die Vorlage mit der AHV-Rentenerhöhung um 70 Franken war der ideale Kompromiss. Für mich war klar: Alles, was nachher kommt, wird weniger gut sein, und bei dieser Aussage bleibe ich. Heute ist die Zeit vorbei, um von linker und rechter Seite zu kritisieren, was alles schlecht sei. Jetzt gilt es sich durchzubeissen. Aus diesem Grund stehe ich hinter dem Vorschlag des Bundesrats. Ich will für die Jugend eine stabilisierte 1. und die 2. Säule. Schaffen wir diese Stabilisierung nicht, werden die Jungen einst wirklich grosse Probleme haben. 

Wie stehen Sie zur Erhöhung des Rentenalters für Frauen auf 65? 
Bei der AV 2020 plädierten wir für die Erhöhung des Frauen-Rentenalters auf 65, mit Flexibilisierungen und Abfederungsmassnahmen. Das ist für mich immer noch der Königsweg. Wir werden immer älter und ich bin mir bewusst, dass wir eines Tages über diese 65 Jahre hinausgehen werden müssen. 

Arbeitgeberverband und Gewerkschaften haben einen Vorschlag zur Sanierung der 2. Säule vorgelegt, der unter anderem einen über Lohnprozente finanzierten Rentenzuschlag und die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6% vorsieht. Der richtige Weg?
Es ist wie bei der AHV: Wir hätten heute eine gute Lösung, wäre die AV2020 durchgekommen. Der Mindestumwandlungssatz wäre jetzt auf 6,0% und die Situation wäre damit entschärft. Ich würdige es aber sehr, dass sich die Sozialpartner zu einer Einigung zusammengerauft haben. Alle brachten ihre Anliegen ein, obwohl sie eigentlich auf ihre Extrempositionen aus sind. Alle sehen nämlich den Handlungsbedarf. Damit sind wir auf dem richtigen Weg.

Sind Rentenbezüger an der Sanierung der 2. Säule zu beteiligen oder sind erworbene Rentenansprüche tabu?
Erworbene Rechte sollten wir nicht in Frage stellen. 

Was müssen die PKs aus Ihrer Sicht tun, um zu verhindern, dass trotz politischem Stillstand, demografischer Entwicklung und Null-Zinsumfeld die 2. Säule nicht an die Wand gefahren wird? 
Bei der AV2020 haben sich die Pensionskassen aktiv an den Verhandlungen mit den Parteien beteiligt, nach aussen vermittelten sie jedoch den Eindruck, also gehe sie die Sache nichts an. Es fehlte an einem Support bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die Pensionskassen sollten aktuell nicht nur den politischen Akteuren sondern auch der breiten Öffentlichkeit zeigen, wie dringend der Reformbedarf auch für sie ist.

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Zur Person
Barbara Schmid-Federer
Präsidentin Pro Juventute und Vizepräsidentin Schweizerisches Rotes Kreuz

Barbara Schmid-Federer, 1965, studierte Romanistik an der Universität Zürich sowie in Paris und Granada. Von 2007 bis 2018 gehörte sie dem Nationalrat an, zuletzt der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Seit 2011 ist sie Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes Kanton Zürich und seit 2019 Vizepräsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes. Im November 2019 übernahm sie das Präsidium von Pro Juventute. Weiter ist sie Mitglied des Verwaltungsrates von Radio Zürisee und der TopPharm Apotheke Paradeplatz, Zürich. Barbara Schmid-Federer ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhne.