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echo-Interview, September 2017

Die Alten klauen heute die Renten der Jungen

ELIPSLIFE ECHO - EINE GESPRÄCHSSERIE MIT PERSÖNLICHKEITEN AUS DER WIRTSCHAFT

Die Alten klauen heute die Renten der Jungen

echo-interview mit Karl Enzler, Verwaltungsratspräsident der Enzler Reinigungen AG

elipsLife echo: Herr Enzler, Sauberkeit ist Ihr Produkt. Sauberkeit gehört zur Schweiz wie Schokolade und Uhren. Führen Sie ein typisch schweizerisches Unternehmen?
Karl Enzler: Ja, wir sind ein typisch schweizerisches KMU. Für uns ist Nachhaltigkeit wichtiger als Wachstum. Zudem ist für uns eine klare Positionierung im Markt zentral. Wir sind im Schweizer Markt heimisch und bestrebt, die Wichtigkeit des Themas Sauberkeit hervorzuheben.

Die Öffentlichkeit nimmt den Reinigungsmarkt als eine von Klein- und Kleinstfirmen geprägte Branche wahr. Stimmt dieser Eindruck oder dominieren Grossfirmen wie Ihre den Markt?
Es gibt in der Schweiz extrem viele Kleinunternehmen im Reinigungsbereich, doch wird der Markt nicht von diesen bestimmt. Dies tun vielmehr die mittleren und grossen Unternehmen. Unser Unternehmen – wir haben rund 2‘700 Mitarbeitende – würde ich als grosses unter den mittleren Unternehmen bezeichnen. Wir sind kein Grossunternehmen. Zu letzteren zählen die multinationalen Firmen, die im Vergleich zu uns fünfmal mehr Leute beschäftigen.

A picture of Karl Enzler giving the interview.

Was unterscheidet Ihr Unternehmen von der Konkurrenz?
Unsere Positionierung im Markt macht den wesentlichen Unterschied. Wir suchen als Reinigungsunternehmen Nischen. So gehen wir der Konkurrenz – den multinationalen Reinigungsfirmen – aus dem Weg. Wir sind beispielsweise stark für die Pharmaindustrie tätig, wo wir uns auf die Reinigung der „Innereien“ von Pharma- und Biotech-Anlagen spezialisiert haben. In diesem Bereich haben wir uns schweizweit eine starke Marktposition schaffen können. Wir wollen also nicht nur Papierkörbe leeren und Toiletten reinigen, sondern suchen anspruchsvolle Nischen.

Innovative Nischenstrategien sind ein Erfolgsrezept von Schweizer KMUs...
Ja, innovativ zu sein, ist typisch für erfolgreiche Schweizer Unternehmen. Dies trifft für unsere Branche ganz besonders zu, denn ein Staubsauger funktioniert noch immer gleich wie vor 50 Jahren, und Reinigungsroboter gibt es auch noch keine. Es wird nach wie vor viel manuell gearbeitet. Innovation funktioniert in unserer Branche also nicht über Maschinen, welche die Arbeit schneller oder besser erledigen können, sondern über das Finden von innovativen und profitablen Nischen.


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Die Enzler Holding AG besteht aus vier verschiedenen Unternehmen, eines davon ist eigens für den Hotelbereich zuständig. Was unterscheidet die Reinigung in Hotels von anderen Reinigungen?

Die Hotelreinigung ist speziell, durchaus vergleichbar mit der Spitalreinigung. Im Gegensatz zu einem Bürogebäude, das wir normalerweise reinigen, wenn die Büroangestellten nicht arbeiten, reinigen wir im Hotel in einer Umgebung, in der Kunden immer präsent sind. Für solche Einsätze brauchen wir einen anderen Typ Mitarbeiter, Leute, die auf den Kunden eingehen können. Gerade im Hotel prägt das Auftreten unserer Mitarbeitenden die Qualität des Hauses mit. So müssen zum Beispiel unsere Leute in einem 4-Sterne-Hotel anders eingekleidet sein und ein anderes Auftreten haben als in einem 2-Sterne-Hotel. Dies erwarten unsere Auftraggeber genauso wie dessen Gäste. Auch organisatorisch ist ein Reinigungsauftrag in einem Hotel anspruchsvoller als die klassische Reinigung. Wegen der unterschiedlichen Hotelauslastung braucht es mehr Flexibilität in der Planung. Benötigen wir in einem Bürogebäude immer etwa die gleiche Anzahl Mitarbeitende, sind es in einem Hotel je nach Bettenauslastung heute vielleicht 20, morgen 30 und nächste Woche nur 15 Personen.

Die Enzler Reinigungen AG ist seit 1935 aktiv. Wie hat sich die Branche in den vergangenen gut 80 Jahren verändert?

Ich kann nur für die letzten 27 Jahre sprechen, so lange bin ich jetzt im Geschäft. Als ich begonnen habe, hatte man noch ein ganz anderes Qualitätsempfinden. Damals reinigte man in der Schweiz praktisch täglich alles. Später haben dann vor allem die multinationalen Unternehmen damit begonnen, ihre Reinigungskosten zu vergleichen: Was kostet ein Quadratmeter Büroreinigung in Zürich, in Frankfurt oder in London? Als sie feststellten, dass in Zürich die Reinigungskosten höher waren, wurde der Reinigungsstandard in den Büros in der Schweiz massiv heruntergefahren. Was wir früher fünfmal pro Woche reinigten, durften wir dann noch zweimal machen, einige Jahre später nur einmal. Heute neigt man dazu, gewisse Reinigungstätigkeiten nur noch alle zwei Wochen durchzuführen. Im Prinzip hat man den Reinigungsstandard in der Schweiz dem europäischen Niveau angepasst.

Das ist ja offensichtlich nicht nur in Büros so, oder?

Der Reinigungsstandard in der Schweiz ist in den letzten 25 Jahren überall gesunken. Nehmen Sie die öffentlichen Verkehrsmittel: Galten früher die Schweizer Eisenbahnzüge als die saubersten Europas, sind wir heute weit davon entfernt. Ein anderes Beispiel: Vor 25 Jahren beschäftigten wir in einem Bürogebäude zwischen 30 und 40 Mitarbeitende zur Unterhaltsreinigung, heute sind es im gleichen Gebäude noch 15. Das gleiche Bild ergibt sich bei der Kalkulation von Offerten: Wurde früher damit gerechnet, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in einer Arbeitsstunde 40 m2 Toiletten reinigen kann, werden heute 80 m2 kalkuliert.

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Ihre Firma ist eine Erfolgsgeschichte, Sie führen das Unternehmen in der 3. Generation. Was sind aus Ihrer Sicht die Ingredienzen unternehmerischen Erfolgs?

Das kommt auf die Branche an. In unserem Dienstleistungssektor braucht es sicher Sozialkompetenz. Unsere Mitarbeitenden stammen aus insgesamt 65 Nationen und bringen völlig unterschiedliche Bildungsniveaus mit. Will man diese Leute gut führen – und das ist ganz wichtig, wenn man in unserer Branche Erfolg haben will – muss man sich in das Denken der Mitarbeitenden einfühlen können. Gelingt dies nicht, kann ein Unternehmen keine Qualitätsarbeit liefern. Wir streben langfristige Kundenbeziehungen an. Für etliche unserer Kunden arbeiten wir bereits seit über 30 Jahren. Uns ist das wichtiger als eine grosse Marketingabteilung, die möglichst viele Verträge reinholt. Diese langjährige Kundenbindung schaffen wir aber nur, wenn wir eine hohe Mitarbeiterkonstanz erreichen.

Die Reinigungsbranche schafft wie das Gastgewerbe viele Arbeitsplätze, zählt aber zu den Tieflohnbranchen. Welchen Stellenwert hat hier die berufliche Vorsorge?


Gerade in Tieflohnbranchen hat die berufliche Vorsorge einen sehr grossen Stellenwert. Die Erklärung ist einfach: In der 1. Säule mit der staatlichen AHV ist der Rentenunterschied nicht wirklich relevant, und in der 3. Säule haben Angestellte aus Tieflohnbranchen keine echten Chancen, ein grosses Kapital aufzubauen. Deshalb liegt der Fokus auf der 2. Säule. Für eine Vielzahl unserer Mitarbeitenden macht die 2. Säule den grossen Unterschied aus.

Spielt das Thema Vorsorge bei Neuanstellungen eine Rolle?

Es ist zwar ein Thema, aber leider erst bei Leuten, die ein gewisses Alter erreicht haben. Dabei wäre es wichtig, dass sich gerade junge Leute für die 2. Säule interessieren. Sie haben die Möglichkeit, in der 2. Säule bis zur Pensionierung beträchtliche Vermögen aufzubauen.

Die Schweiz hat ein gut entwickeltes Altersvorsorgesystem, das mit den drei Säulen die staatliche und private Vorsorge kombiniert. Wird sich dieses 3-Säulen-System in Zukunft behaupten?

Ich hoffe sehr, dass dieses 3-Säulen-Prinzip bestehen bleibt und nicht versucht wird, die 2. Säule zu Gunsten der 1. Säule zu schwächen. Um die 2. Säule zu stärken, ist es allerdings notwendig, dass sich Firmen und Mitarbeitende mehr darum kümmern. Das BVG ist heute zu einer riesigen, immer stärker regulierten Industrie geworden. Dabei sollte gerade in diesem Bereich mehr Eigenverantwortung zum Tragen kommen. PKs sind ja Stiftungen, und Stiftungen lassen sich gut mit Vereinen vergleichen: Auch da ist das Engagement der Mitglieder zentral.

Wie ist die Pensionskasse bei der Enzler Reinigungen AG geregelt?

Wir sind nicht mehr in einer Sammelstiftung, sondern haben zwei eigene Stiftungen. Vieles machen wir heute wieder selber. Wir wollen, dass sich unsere Mitarbeitenden mit dem Thema beschäftigen, und wir wollen für die Leistungen unserer Stiftungen selbst verantwortlich sein. Dabei liegt der Fokus auf den Kosten, denn grosse Renditen sind ohne übergrosse Risiken nicht mehr möglich. Kosten lassen sich aber nur tief halten, wenn man vieles selber macht. Leider spielt auch hier die Regulierung negativ rein. Die BVG-Industrie wird immer mehr reguliert, was enorme Kosten verursacht. Die geforderten Expertenberichte sind ein gutes Beispiel hierfür: Für ein Unternehmen ist nur wichtig, ob es gut und richtig arbeitet. Die oft seitenlangen Kommentare der Experten sind nicht relevant und rechtfertigen die Kosten von Tausenden von Franken keinesfalls. Dabei ist es im heutigen Umfeld entscheidend, die Kosten tief zu halten.

Was verstehen Sie unter „selber machen“?

Es beginnt mit dem Reglement, das wir selber verfassen. Wir haben auch einen eigenen Anlageausschuss, eine eigene Anlagestrategie und wir diskutieren selber über unsere Anlagen. Zudem führen wir sehr viele Verwaltungsaufgaben selber aus. Die im Stiftungsrat vertretenen Mitarbeitenden müssen über das System Bescheid wissen, damit sie über unsere Strategie kompetent mitentscheiden können. Das braucht von allen, die da mitwirken, Initiative und Engagement. Dank diesem Einsatz und der Tatsache, dass wir auf die Kosten achten, sind wir erfolgreich. Wir schlagen den Index der Verzinsung der Sammelstiftungen regelmässig. Nicht, weil wir vom Anlegen mehr verstehen, sondern weil wir tiefere Kosten haben.

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Ist das vom Parlament verabschiedete Reformprojekt Altersvorsorge 2020, über das wir im September abstimmen, in Ihrem Unternehmen ein Thema?

Ja, sicher. Natürlich können wegen des hohen Ausländeranteils viele unserer Mitarbeitenden nicht abstimmen gehen, aber das Thema ist uns wichtig und wir wollen, dass die Leute informiert sind. Diese Abstimmung betrifft uns alle.

Sollen Rentenbezüger an der Sanierung des Vorsorgesystems beteiligt werden – oder sind einmal erworbene Rentenansprüche tabu?

Aus meiner Sicht ist nichts tabu. Die 2. Säule ist eine Sache der Unternehmer und der Mitarbeitenden in diesen Unternehmen. Da kann es nicht angehen, dass der Staat bestimmt, ob eine solche Frage tabu ist oder nicht. Das kann er bei der AHV machen, aber nicht in der zweiten Säule. Die Renten in der 2. Säule müssen sich der wirtschaftlichen Situation anpassen. Es gibt ja den Ausdruck „Rentenklau“ – ein smarter Ausdruck zwar, leider wird der Begriff heute von der falschen Seite verwendet. Rentenklau heisst nicht, dass einmal prognostizierte Renten aufgrund wirtschaftlicher Veränderungen angepasst werden müssen. Rentenklau ist vielmehr das, was bereits geschieht: Die heutigen Rentenbezüger klauen all jenen die Rente, die in Zukunft einmal eine Pension beziehen werden. Noch deutlicher formuliert: Die Alten klauen heute die Renten der Jungen. Das ist nicht richtig.

Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die grössten Herausforderungen für die 2. Säule?

Die zunehmende Regulierung, welche die Kosten für die Stiftungen massiv nach oben treibt. Anstelle übertriebener Regulierungen sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die für die Kassenmitglieder verständlich sind.

Überalterung und tiefe Zinsen setzen die PKs unter Druck. Werden sie – und damit wir alle – Opfer von nicht finanzierbaren Leistungsversprechen?

Die demografische Entwicklung hat sich extrem verschärft, Alter 85 oder 90 sind heute keine Ausnahmen mehr. Wir haben in unserer Firma bezüglich der Folgen eine spezielle Situation. Wir haben nämlich sehr viele Mitarbeitende, die keine Rente beziehen wollen, sondern sich für den Kapitalbezug entscheiden. Wir fördern das. Viele unserer Mitarbeitenden wollen nach der Pensionierung mit dem Kapital in ihr Heimatland zurückkehren und dort Wohneigentum erwerben. Für eine Stiftung macht dies die Sache einfacher, denn je weniger Renten bezogen werden bzw. je mehr Geld via Kapitalbezug abfliesst, desto einfacher wird es für die Stiftung, das Ganze zu überblicken. Wir haben im Vergleich zur Anzahl Kassenmitglieder relativ wenige Rentner, was den Aufwand und damit auch die Kosten reduziert.

Wenn Sie den Pensionskassen einen Rat geben könnten, wie würde dieser lauten?

Den einzelnen Pensionskassen würde ich raten, nicht alles zu akzeptieren, was vorgeschrieben wird. Vielmehr sollten sie versuchen, die Eigenständigkeit zu wahren. Ausserdem sollten sie das Interesse bei den Mitgliedern und zukünftigen Rentenbezügern wecken. Nur wenn viele Leute einer Firma in der PK engagiert sind und ihre Kasse selbst kontrollieren, können Missbräuche und eine immer weitergehende, kostentreibende Regulierung verhindert werden.


Zur Person
Karl Enzler
Verwaltungsratspräsident der Enzler Reinigungen AG

Karl Enzler, 1957, Enkel des gleichnamigen Firmengründers, studierte an der ETH Zürich Maschineningenieurwesen. Nach dem Studienabschluss 1983 trat er als Verkaufsingenieur für Industriekunden in die IBM Schweiz ein. 1991 ging er zurück an die ETH und studierte während vier Semester Umweltnaturwissenschaften. 1993 stieg er in die Enzler Reinigungen AG ein, wurde 1994 Geschäftsführer und 1996 Verwaltungsratspräsident. Er trat damit die Nachfolge seines Vaters an, welcher das Unternehmen über 30 Jahre geführt hatte. 1997 gründete Karl Enzler die Enzler Holding AG mit vier Tochtergesellschaften und erweiterte das Tätigkeitsgebiet der Gebäudereinigung um spezialisierte Nischenangebote im Bereich Hygiene für die Industrie und das Gesundheitswesen. Karl Enzler ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern.